#imagine Automatisierung, Digitalisierung, Postwachstum

Veröffentlicht am 29.06.2020 in Ortsverein

Wie könnte unsere Arbeitswelt im Jahr 2040 aussehen? Wie und mit welcher Einstellung werden wir gesellschaftlich Lösungen finden für die großen ökonomischen und ökologischen Herausforderungen der Zukunft? Diesen Fragen widmet sich im Zuge unserer Artikelreihe Johnny Spasiano aus Zimmerhof in seinem spannenden Gastbeitrag "Re-Gnose aus dem Jahr 2040: Automatisierung, Digitalisierung, Postwachstum." #imagine - Ein Ausblick:

„Wir schreiben das Jahr 2040. Sie können heute ausschlafen. Und das obwohl es erst Donnerstag ist. Die Arbeit? Hat sich auf eine 20-Stunden Woche beschränkt. Trotzdem müssen Sie sich keinerlei Sorgen um ihren Lebensunterhalt machen. Die Menschheit ist genauso produktiv, wie sie es vor 20 Jahren schon war, die Supermärkte sind immer noch gefüllt, alle bekommen, was sie benötigen. Der kleine aber feine Unterschied liegt darin, dass wir nun vor allem Maschinen, Programme und Algorithmen für uns arbeiten lassen. Und wir haben aufgehört zu versuchen es zu verhindern.

Viele Jobs in der Produktion, der Verwaltung und im digitalen Sektor sind „der Rationalisierung zum Opfer gefallen“, falls man die veraltete Sprachregelung verwenden möchte. Wir, die Postwachstumsgesellschaft, haben es geschafft, mit der richtigen Ausgestaltung dieses Prozesses einen Gewinn für jeden Einzelnen zu ermöglichen. Der Grundgedanke, der im Grunde schon seit Jahrhunderten existiert, ist folgender: Wenn Arbeit dadurch effizienter wird, dass Menschen durch Maschinen ersetzt werden, können wir dieselbe Produktivität mit weniger menschlicher Arbeitskraft sicherstellen. Aber Vorsicht: das funktioniert nur wenn der Effizienzgewinn, der für die Unternehmen dabei herausspringt, konsequent umverteilt wird um die Menschen für die verlorengegangene Arbeit zu entschädigen. Und ich kann Ihnen sagen, das war kein leichter Weg. Die weltweite Arbeitslosigkeit machte einen erneuten Sprung, als moderne Technologien auch die restlichen Teile der Welt erreichten. Wie so oft musste es erst schlimmer werden, bevor es wieder bergauf gehen konnte. Erst wachsende Armut und Ungleichverteilung von Ressourcen und Finanzmitteln, dann Proteste, Ausschreitungen, Umstürze, Krisen. Die 99% machten ihrem Ärger über das reichste Prozent Luft. Es ging um Forderungen nach bedingungslosen Grundeinkommen, Mindest- aber auch gedeckelten Höchsteinkommen und der ordentlichen Besteuerung von Vermögen, Erbschaften, sowie Finanztransaktionen an der Börse. Irgendwann blieb den politischen Entscheidungsträgern trotz größtem Gegenhalten der Wirtschaftslobby keine Wahl mehr. Entweder sie setzten die Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit um oder der Rückhalt in der Bevölkerung ginge für immer verloren – mit schwerwiegenden Folgen für die Demokratie.Nun sitzen Sie also vor Ihrem Frühstück mit Eiern aus lokaler Bio-Haltung und In-Vitro-Speck. Das ist Fleisch, das in Laboren hergestellt wird. Ein beliebiges Stück tierischen Gewebes wächst synthetisch heran und bildet neue Fasern und neues Fett. Sie können also echtes Fleisch essen ohne vorher zu töten. Das hat sich mit der Zeit durchgesetzt, denn eines haben wir gelernt: globale Verantwortung. Können wir die ökologischen Konsequenzen industrieller Massentierhaltung tragen und sie moralisch verantworten? Nein? Also haben wir aufgehört, sie in der Form zu betreiben. Können wir jemals für die Schäden aufkommen oder so viel CO-2 kompensieren, wie unsere Langstreckenflüge jedes Jahr verursachen? Nein? Also haben wir sie kontingentiert. Wir leben heute nach dem Motto: mach nur so viel kaputt, wie du auch in der Lage bist zu reparieren. Und siehe da, es funktioniert. Was die Wirtschaftsgläubigen verwundern wird: das Bruttoinlandsprodukt erlebt eine Stagnation, es ist seit Jahren keinen Prozentpunkt mehr gewachsen. Und trotzdem ist uns der Wohlstand geblieben. Für einige Wirtschaftswissenschaftler war schon lange klar, dass die Menge aller verkauften Waren und Dienstleistungen niemals den wahren Wohlstand einer Gesellschaft beschreiben kann. Die vergangenen Epochen sind spätestens seit der Industrialisierung geprägt von der Idee, dass immer mehr immer besser sei, dass alles um einen herum ständig wachse und man selbst, nur um die Position zu sichern, die man innehat, mit dem System mitwachsen müsse. Es war ein Stück harte Arbeit, den Wachstumsgedanken, durch den sich unser ehemals turbokapitalistisches Wirtschaftssystem immer und immer wieder neu reproduzierte, aus dem kollektiven Gedächtnis zu tilgen und ihn durch die Erkenntnis der Notwendigkeit einer nachhaltigen, ökologischen und menschlichen Lebenseinstellung zu ersetzen. Das hat nicht zuletzt den Grund, dass wir Menschen nicht nur an den Systemen arbeiten müssen, die uns umgeben, sondern eben auch an unserer eigenen, inneren Einstellung zu ihnen, die in letzter Instanz über Bestehen und Untergang dieser Systeme entscheidet.“